Dorfbumms (Fallera)

Dorffeste kennen wir doch alle. Wir waren alle schon mindestens schon einmal auf einem. Und im Grunde reicht dieses eine um alle zu erklären. Sie sind nämlich immer gleich. Es ist fast immer derselbe Aufbau, Ablauf und es sind auch immer dieselben Typen vor Ort.  Immer!

Der Aufbau:
Ein Bierwagen, ein Stand für die Kuchen der ansässigen Rentnerinnen, ein Brutzelzelt für Wurst und Fleisch, geleitet von der ansässigen Feuerwehr (weil Feuer kann nur die Wehr), 3 Dixieklos, die professionell von hinten angeleuchtet werden (angeblich weil die selber ja kein Licht haben. Ich denke eher, damit die draußen Wartenden sehen wie weit die Sitzenden sind),Bierbankgarnituren (10-20, auf jeden Fall aber immer 2 zu wenig) und eine professionelle Bühne für eine Band (6×3 Meter, mit Licht für eine Band, Ton für eine Band und Technik für eine Band. Leider fragte man keine Band ob sie spielen wolle).

Der Ablauf:
Jedes Dorffest beginnt mit einer Ansprache des jeweiligen Ortsvorstehers, oder demjenigen, der sich dafür hält. In der Rede wird immer die Großartigkeit des Dorfes (und natürlich unterschwellig die des Redners, Aber das würde er nie zugeben, zu bescheiden) angepriesen und hervorgehoben. Auch die ansässige Feuerwehr (er ist da ja Vorsitzender) /Fußballverein (natürlich nur die erste Mannschaft, weil der Sohn da mitspielt) /Damenlesezirkel (weil die eigene Frau eben jenen leitet) wird überschwänglich erwähnt. Frenetischer Beifall der Erwähnten. 

Dann kommt auch schon die Kindergartengruppe Sonnenschein auf die Bühne und präsentiert ihren extra einstudierten Tanz. Kein Rhythmus, nichts synchron, aber süüüühüühüüß! Finden zumindest die entzückten Eltern. Alle Kleinen sind zukünftige Anwälte, Ärzte, Bundeskanzler, Professoren, Wenn man den Weissagungen der Eltern folgt. Wenn man zweifelt, wird ganz böse ausgeguckt. Als Kinderloser kann man das einfach nicht verstehen. Natürlich nicht. Deswegen mag ich das Multinetzwerkzeitalter. Da kann man dann später schön sehen, wie sich unser Bundeskanzler Justin-James-Kevin Müller mit 4 Jahren auf der Bühne angepinkelt hat. Es gibt immer ein Video.

Oh, die dorfeigene Frauentanzgruppe gibt sich die Ehre! Es wird Aufstellung genommen. Obwohl es seit 10 Jahren derselbe Aufbau und Ablauf ist, stellen die Damen wieder einmal fest, dass die Bühne viel zu klein für die 10 Mädels ist. Seit 10 Jahren derselbe Anfang. Die Musik beginnt (seit 10 Jahren irgendein Samba-Rhythmus), die Damen kommen elegant auf die Bühne (so elegant es eben über die Palettentreppe geht), es wird sich ausgerichtet (nachdem festgestellt wird, dass 6 Meter doch etwas eng ist für 10 Damen, wird kurzerhand entschieden alle auf 2 Reihen aufzuteilen) und los gehts. Ganz vorn und in der Mitte steht wie immer die Chefin/Vortänzerin, die man sofort daran erkennt, dass sie als einzige ein anderes Kleid trägt und das ausladenste Dekolleté hat. Sie, als Chefin, ist auch diejenige, die mehr glitzert, als alle anderen. Alles in allem ist das Ganze irgendwie sehr hypnotisch und eher verstörend, als schön. Was einem aber auffallen muss, ist das Alter der Damen. Es teilt sich nämlich in genau 2 Versionen. Einmal von 10-16 Jahre und dann von 36-openend. Dazwischen klafft ein Loch von knapp 20 Jahren. Liebe Mädels vom Dorf, was ist da los? Aber egal wie sehr ihr euch dagegen wehrt, ihr werdet irgendwann wieder vor dem ganzen Dorf tanzen. Ob ihr wollt, oder nicht!

Nachdem auch dieser Höhepunkt (ja, Dorffeste haben nur Höhepunkte!) überstanden ist, folgt nun die “Modenschau” des ansässigen Modeladen (Meist irgendwas mit Butike im Namen). Die Chefin erklärt dem staunendem Publikum (die Mütter der jungen Pubertantinnen), was die Mädels so tragen. Eigentlich nichts aufregendes. Hose, Shirt und irgendetwas, was aussieht wie eine Hose und ein Shirt. Die Chefin scheint etwas überfordert zu sein, wenn man den Blicken der Modelle traut, denn sie hat sich in ihrer Liste vertan und hat eine Reihe übersprungen. So wird aus Jaqueline plötzlich Cheyenne und aus dem blauen Shirt ein roter Sleeve. Jaqueline/Cheyenne ist den Tränen nahe und Jaquelines/Cheyennes Mutter wird puterrot. Das wird noch Ärger geben.

Nun ist Pause auf der Bühne und der übermotivierte DJ baut sein Equipment auf. Ein CD-Player, ein kleiner Laptop, ein Mikrofon und seine Kopfhörer. Mehr braucht der Dj von Welt heute nicht mehr. Manchmal nicht mal mehr das (Achtung, nun folgt ein Link zu einem Youtube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=pK8icdqw7i8) Es verspricht ein totaler Kracher zu werden. Der DJ ist ein waschechter Dj. Das muss so sein, denn auf seinem Auto steht groß und breit, dass er DJ ist. Umrahmt von irgendwelchen Logos, die garantiert von ihm selbst stammen. Ga-Ran-Tiert! Auf seinem Shirt steht in großen Lettern “Hardcore for Life” Dieser Abend wird in jedem Fall spannend. Der Soundcheck verspricht zumindest einiges. Das Mikrofon fiept und das typische “Ahahyeahyeaheinszwoeinszwopartypeopleputyourhandsupintheairbaby” kreischt beim dritten Mal weniger. Schön das!

Die Leute
Fußballer und Feuerwehrleute
Auf dem Dorf scheint es immer wieder geheime Wettkämpfe zu geben. Wer ist zuerst strunzendicht. Seit 13 Uhr stehen beide Mannschaften komplett vereint auf den entgegenliegenden Seiten und blockieren so sämtliche Zugänge zum Bierwagen. Nach nur 5 Minuten sind erste Ausfallerscheinungen zu beobachten. Auf beiden Seiten lichten sich die Reihen. Am Ende des Abends werden einige Wetkämpfer schlafend aus dem Dorfteich gefischt werden. Die Sieger bleiben, wie immer, die Feuerwehrleute. Die kennen sich eben besser mit der Brandbekämpfung aus.

Der Abend beginnt mit dem Erscheinen der halbstarken Dorfjugend. Diese ist leicht an den Haarschoncappies zu erkennen. Das sind Basecaps, die nur zum Schein aufgesetzt werden und mindestens 5 cm über den Haaren sitzen. Die Rangfolge ist wie folgt: Um so höher das Cap und tiefer die Hose, desto höher der Status in der Gaaaaaaaang. Sie stehen in einer kleinen Gruppe etwas abseits des Geschehens und sind einfach nur cool. Zu cool für diese “Provinzkacke”. Eigentlich sind sie alle ja verkappte Großstädter, wenn Mutti nicht dazwischen funken würde. Sie alle sind um Mitternacht im Bett. Aber coooooool im Bett, denn alles was sie tun ist cool.

Und da wären wir schon bei Mitternacht. Der DJ läutet die Rockrunde ein mit AC/DCs Thunderstruck. Die Meute rastet aus. Der Wanderer (kommt im nächsten Absatz) beginnt mit seiner Solo-Luftgitarrenshow. Vor der Bühne stehen nun alle, die die 40 gerade überschritten haben. Obwohl, eigentlich tanzen sie. Standard. Sie schieben ihre Frauen über die Wiese und zum Glück ist das Lied nicht allzu lang, denn sonst würden sämtlich bisherigen Biere und Klopfer ihren ganz eigenen Weg zurück in die Freiheit suchen. Aber der DJ weiß genau was er tut. Als nächstes folgt, was folgen muss. We will rock you. Alle können sich auf den Boden werfen und im Rhythmus des Beats auf den Boden klopfen. Übrigens eine Eigenheit, die man so nur in Deutschland findet. Dann geht es wieder mit AC/DC weiter. Highway to hell, yeah baby! Woohooooo! Jetzt drehen alle durch! Auch die unvermeidlichen BeimDJLiederWünscherWeilDerJaKeineAhnungHat-Leute singen und tanzen nun mit. Ein schöner Abend.

Der Wanderer ist ein Typ, den jedes Dorf hat. Er kennt jeden und er mag, zumindest wenn er betrunken ist, jeden. Und jeder hat ein Recht darauf mit ihm zu sprechen. Ob man will oder nicht. Er kommt und ist voll. Er geht und ist voll. Und zwischendurch erzählt er dir jede Menge Geschichten. Und er kennt viele. Eigentlich kennt er alle. Trotzdem erzählt er dir nur eine. Immer wieder. Man wird ihn nur los, wenn man ihm jemanden zeigt, der unbedingt noch von seinen Erlebnissen erfahren muss. Je nach Größe des Dorfes kann man ihm schon einige Male begegnen. Und wenn man ihn nicht kennt, wird man ihn schon noch kennenlernen. Das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen!

Am Ende bleibt festzuhalten, Dorffeste sind immer dieselben. Und dennoch, wir mögen sie alle!

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