Facebook macht mich krank.

Facebook sollte die Welt näher zusammenbringen, aber diese Plattform hat es tatsächlich geschafft die Menschen einer kleinen Stadt weiter auseinander zu bringen, als es sonst irgendwie möglich wäre. Meiner kleinen Stadt. Nauen. Und ich trage meinen Teil dazu bei.

Facebook macht mich krank.
Es ist wie ein Moment, an dem man selbst merkt, dass die Droge, in diesem Fall Facebook, einem mehr schadet als man es je für möglich hielt. Facebook ist eine Sucht.
Morgens geht der erste Blick aufs Handy um zu sehen, was die Nacht los war und abends der letzte. Man könnte ja etwas verpassen. Und je nach Filterblase ist es meistens auch der Fall. Meine Informationen hole ich mir zu einem großen Teil aus meiner Facebooktimeline, von den Seiten, denen ich folge oder von den Status-updates meiner “Facebook-Freunde”. Die “Freunde”, die man so in seiner Liste hat, sind ein Querschnitt dessen, was das Leben hergibt und ausmacht.

Da sind die, die alles nur nachplappern, aber keine eigene Meinung haben. (Die, die unreflektiert nur Bildchen teilen)
Die, die sich für unglaublich toll halten und gar nicht merken, wie sehr sie es nicht sind. (Die Selbstdarsteller, die mit den vielen Fotos von sich und ihrem Habe)
Die, die dir immer ungefragt erzählen wo sie gerade sind und was sie da machen. (Die, die jeden Ort markieren an dem sie sind. Nur das Klo lassen sie aus. Inkonsequent)
Die, die alles wissen müssen, nur um zu wissen, nicht um zu helfen. (Geht es einem schlecht, “wasn los?”. Geht es einem gut, “wasn los?”. Ist mal gar nichts, “wasn los?”.)
Die, die für sich die Wahrheit gepachtet haben und generell über Allen stehen. (Hat man eine abweichende Meinung, ist man uninformiert und/oder dumm. Versucht man etwas aus einem anderen Winkel zu betrachten, ist man dumm und/oder ein” Schlafschaf” und rennt dem Mainstream hinterher, oder wird von “ganz oben” bezahlt)
Die, die nur trollen wollen und das ganz bewusst machen. (Egal was man sagt, es wird entweder ins Lächerliche gezogen oder versucht ins Gegenteil zu verkehren.)
Die, die nur spielen wollen und einen ständig damit nerven. (Die, bei denen man sich erschreckt, wenn mal etwas anderes als ein Spielstand erscheint.)
Die, die alles besser wissen und generell eine Meinung zu allem haben. (Die, die Dunning-Kruger zwar schon mal gehört haben, aber per youtube alles widerlegen können.)
Und die Über-Eltern. (Die, bei denen man genau weiß, die haben ein Kind. Und das ist der Mittelpunkt der Welt. Es gibt nur ihr Kind und und das sieht man auch sofort.)

Es ist erschreckend, wie sehr Facebook den eigenen Tagesablauf bestimmt.
Hat man mal 3 Minuten für sich, schaut man bei Facebook nach, was die anderen so treiben. Wartet man auf die Bahn oder den Bus, der Blick geht nach unten aufs Handy. Geht man durch die Stadt, der Blick geht so lange nach unten aufs Handy, bis man auf einen Widerstand stößt (Laterne, Ampel, Auto, Fahrradfahrer, andere Leute, die aufs Handy starren). Selbst in einer Gruppe von Leuten kommt irgendwann der Punkt an dem alle auf ihr Taschenzepter starren. Und immer ist es Facebook. Soziale Kontakte finden nur noch virtuell statt.

Es ist schrecklich, wie sehr Facebook einen Menschen abstumpft.
Horrornachrichten werden zum Alltag und Betroffenheit wird fast immer nur noch geheuchelt. Kinder, die verschwinden, Menschen, die ermordet oder stark verletzt werden, Tiere, die gequält werden, Asylbewerberunterkünfte, die in Brand gesteckt werden, Menschen, die aus purem Hass, anderen das Leben zerstören… All das verkommt zur Peripherie und man nimmt es nur noch irgendwie wahr. So sollte ein Leben, wenn auch nur virtuell, nicht sein und dennoch, wir nehmen es so hin. Warum und wie lässt sich das umkehren?

Es ist traurig, wie sehr Facebook Beziehungen und die Neugier auf neue Möglicherweisekönntejaseinvielleichtsogar Partner zerstören kann.
Man lernt sich kennen und anstatt man neugierig auf den Partner ist, schaut man erstmal auf sein Profil und weiß sofort alles wichtige über Sie/Ihn. Das nimmt die gesamte Spannung aus dem Kennenlernen. Menschen, die sich gerade kennenlernen sollten den anderen Stück für Stück erkunden und ausforschen, von Angesicht zu Angesicht und nicht das Profil durchforsten nach Schwächen und Stärken und ob er oder sie zu einem passt. Junge Liebe ist ein Spiel mit dem Feuer und kein Algorithmus, der einem nach 2 Sekunden verrät, wer der Seelenverwandte oder Traumpartner ist. Niemand kann einem die Garantie geben, dass es für immer hält, schon gar nicht Facebook.

Es ist ermüdend, wie sehr der Hass des Einzelnen zum Hass der Gruppe wird.
Dazu mal 2 schlaue Sätze:

Keine Theorie ist so abgedroschen, dass sie keinen findet, der sie glaubt.

Und:

Niemand kennt die ganze Geschichte, jeder hat nur einen Teil. Mit ganz viel Glück, ergibt das Ende einen Sinn.

Genauso verhält es sich mit Facebook. Der Hass des Einzelnen, ordentlich verpackt, ist in der Lage eine Kettenreaktion auszulösen, die am Ende eine ganze Meute aufstachelt, die kaum mehr zu bremsen ist. Die Leute fangen wie von selbst an die wirresten Phantasien auszukotzen, an deren Ende immer jemand unterdrückt, gefoltert oder ermordet wird. Aber nur virtuell, versteht sich. Dass es nicht nur im Netz bleibt, zeigen die letzten Wochen und Monate ziemlich eindrucksvoll. Die Herde setzt sich in Bewegung und rollt alles nieder, was ihr in den Weg kommt. Danach will es keiner gewesen sein und es wird herunter geredet, was das Zeug hält. “Ach, so schlimm war das doch gar nicht, da hab ich schon schlimmeres gesehen”, “Aber die anderen waren viel schlimmer”, um nur ein paar wenige zu nennen. Nein, möchte man ihnen entgegen brüllen, nein, die anderen waren nicht viel schlimmer! Die anderen waren anders! Ihr seid richtig schlimm!
Aber man macht es nicht. Man nimmt es nur noch hin. Es hat ja auch keinen Zweck mehr zu diskutieren, es hört ja keiner mehr zu. Jeder hat seine eigene Wahrheit gefunden, oder finden lassen, und die muss jetzt unbedingt verbreitet und verteidigt werden. Komme was da wolle. Und zur Not mit persönlichen Bedrohungen.

Ich kann das alles nicht mehr lange ertragen.
Wenn sich nicht bald etwas ändert, weiß ich nicht, was mit mir geschieht. Ich habe Angst davor komplett zu verrohen oder abzustumpfen.
Ich will auch weiterhin neugierig auf andere Menschen sein, auch wenn sie dich als Ärsche entpuppen.
Ich will weiterhin jedem eine Chance geben können, ohne von Vorurteilen gelenkt zu werden.
Ich will auch weiterhin jeden Tag Katzenbabys sehen, ohne irgendwelche Gedanken dahinter.
Ich will auch weiterhin über dumme Witze lachen, auch wenn ich sie schon tausendmal gehört habe.
Ich will auch weiterhin wissen, wie es meinen Freunden geht.
Ich will auch weiterhin Klischees an Menschen feststellen, die sie selbst nicht merken.
Und ich will auch weiterhin neue nette Leute kennenlernen, auch wenn ich weiß, dass ich sie wahrscheinlich nie im wahren Leben sehen werde.

Es muss sich etwas ändern. Bitte.

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