Alle Wege führen durch Herzsprung

Freitag Abend. Ich will auf dem Weg nach Hause nur noch schnell den LKW betanken und dann nichts wie ab nach Hause und ins Bett. So fahre ich also in Herzsprung von der A24 ab und auf den dortigen Autohof. Ich beginne zu tanken, da kommen 2 Reisebusse auf die Tankstelle. Damit muss man rechnen. Womit man aber nicht rechnet ist das, was in dem Moment passiert, nachdem sich die Türen der beiden Busse öffneten. 

Es ergaß sich ein schier endloser Strom an Pubertanten auf die Tankstelle, die viel zu cool für diese Welt sind. Dieser endlose Strom goss in Richtung Tankstellen-Shop und die einzige Verkäuferin wappnete sich. Ich war fertig mit tanken und ging in den Shop um zu bezahlen. Ich betrat den Laden und bereute, wie ich noch nie etwas bereut hatte. Vor mir standen 100 Pubertanten, es hätten 10.000 sein können, ich hätte keinen Unterschied bemerkt. Und jeder einzelne hatte 1 Flasche Wasser und irgendwas zu knabbern in der Hand. Und weil wir in Deutschland sind und es hier immer etwas anders läuft, musste die arme Dame am Tresen jedem einzeln erklären, dass auf den Preis noch 25 Cent Pfand ausgerechnet werden. 100 mal.
100 mal verständnislos gucken. 100 mal Brieftasche wieder rauskramen. 100 mal Kleingeld zählen. 100 mal kleine Trippelschrittchen, die ich Richtung Kasse machte. 
In der Zeit, die ich mit Schlange stehen verbrachte, konnte ich mir mal die Jugend von heute ansehen. Alle trugen Jogginghose und Badelatschen. Tatsächlich alle. Und die Mädels der Truppe hatten alle entweder zu viel Augenbrauen oder viel zu wenig. Manche haben sich scheinbar einfach einen dicken Edding geschnappt und mal drauf los gemalt. Andere dafür wahrscheinlich Stunden vor dem Spiegel verbracht. Nur die allerwenigsten hatten überhaupt noch normale Augenbrauen. Es kristallisierte sich aber schnell heraus, dass die Damen mit den dicksten Eddingstrichen auch die vermeintlich coolsten der Gruppe waren und obwohl ich sie nicht verstand, war es wirklich einfach herauszufinden, wer bei ihnen auf der Abschussliste stand. 
Da war dieses eine Mädchen, in ein paar Jahren würde sie wahrscheinlich alle mit einem Lächeln und Augenaufschlag um den Verstand bringen, die im Gegensatz zu den Balkenmädchen ganz natürlich wirkte und einfach nur da stand. Sie war die Nummer 1. Sowohl auf der Abschussliste, als auch, wahrscheinlich sogar genau deshalb, bei den Jungs. Sie wurde ständig umgarnt und jeder hormongebeutelte Lanzenträger wollte sie vorlassen. Sie lehnte aber jedes Mal mit einem Lächeln ab. Ich kam nicht umhin das sehr zu bewundern. Sie war auch die einzige, die neben ihrer Wasserflasche und ein paar Gummibärchen auch ein “Lustiges Taschenbuch” kaufte. Damit war sie mir schlagartig sympathisch. Die Balkenmädchen beäugten sie sehr herablassend und ab und zu kam auch mal ein Zischen in ihre Richtung. Ich hoffe, sie wird nicht irgendwann im Schlaf besucht. Es soll ja schon vorgekommen sein. 
Mir ist auch aufgefallen, dass Jugendliche einfach nur laut sind. Sie gehen nicht zu den Leuten, mit denen sie reden wollen, nein, sie brüllen ihnen zu. Auch wenn sie quasi direkt neben ihnen stehen. Befindet sich der Angebrüllte gerade in einem eigenen Gebrüll mit jemand anderen, wird einfach lauter gebrüllt. Irgendwann war es dann so laut, dass ich einfach mal mitgebrüllt habe. Dadurch, dass meine Stimme wesentlich lauter und dazu noch wesentlich tiefer ist, konnte ich die Pubertanten schnell beruhigen. Schnell aber leider nur kurz. 
Irgendwann, nach 24 Minuten, 2 Hörstürzen und 1000 kleinen Trippelschrittchen war ich endlich an der Kasse. Ich habe der entnervten Verkäuferin dann einen Kaffee spendiert, den sie wohl auch dringend brauchte. Ich zahlte und wollte den Laden verlassen, da fiel mir eine weitere Besonderheit bei Jugendlichen auf. Sie stehen einfach nur in der Gegend rum. Leider auch immer in genau der Gegend, durch die ich gerade will, wie zum Beispiel die Ladentür. So standen also einige Balkenmädchen in der Tür und waren einfach nur cool. Drinnen war noch ein männlicher Schönling und guckte. Sie wollten ihn wohl auf sich aufmerksam machen. Leider war ich der einzige, der auf sie aufmerksam wurde, und ich wollte das nicht einmal. Ich wollte einfach nur raus. Das schienen sie nicht zu verstehen und so blieb ich vor ihnen stehen und stand eben auch nur rum. Ich wollte auch mal wieder jung sein und dazu noch cool. Leider war ich den Balkenmädchen nicht cool genug, vielleicht lag es am fehlen der Jogginghose und der Badelatschen, ich weiß es nicht. Nach gefühlten Minuten des gegenseitigen Anstarrens machte eines der Balkenmädchen einen kleinen Schritt zur Seite und ich verließ hohen Hauptes den Laden. Endlich war ich mal wieder cool und jung. 
Dann ging ich an den Bussen vorbei, weil ich einfach nur wissen wollte woher sie stammten, da ich die Sprache nicht zuordnen konnte. In der Frontscheibe waren Schilder angebracht mit Start- und Zielort. Jetzt wurde mir auch klar, warum alle in Jogginghose und Badelatschen unterwegs waren. Die Busse waren unterwegs von Sarajevo nach Stockholm. Hui, dachte ich und Fabian mal bei google maps beide Städte ein. Das ist eine Reise von 2519 km. Und dann habe ich mir die Routen dazu angesehen. Alle Wege führen durch Herzsprung. Ich fand das interessant. Und trotzdem male ich mir nicht mit einem Edding im Gesicht rum. Schon gar nicht mit Absicht. Zumindest nicht oft.

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Geschichten von der Straße 

Es gibt Dinge, die erwartet man auf einem Pizzabrötchen einfach nicht. Senf, zum Beispiel. 

Wenn man, so wie ich, den überwiegenden Teil des Tages auf der Straße verbringt, bleibt es manchmal nicht aus, dass man sich an der Tanke etwas für den kleinen Hunger zwischendurch holt. Meistens bleibt es bei der altbewährten Bockwurst, aber manchmal sieht etwas auch so verlockend aus, dass man doch mal etwas anderes nimmt. 

Wie zum Beispiel dieses kleine, aber feine Pizzabrötchen, welches die junge Dame hinter der Theke gerade aus dem Ofen genommen hat. 

Ich lächelte sie an und sie wusste sofort bescheid. Also sofort, nachdem ich ihr verständlich gemacht hatte, dass ich eines der Pizzabrötchen wollte. Es sah aber auch toll aus. Dick belegt, ordentlich überbacken, so richtig lecker eben. Sie warnte mich noch auf diese spezielle Tankstellenbediensteten-Art: “Is aber noch heiß, wa.” ich musste ihr versprechen, dass ich das leckere, mit Liebe gemachte Pizzabrötchen nicht sofort verspeisen würde. Gut, eigentlich musste ich ihr gar nichts versprechen, es war ihr auch total egal, ich tat es dennoch. Mir ging es einfach gut. Tank im LKW voll, alle Kunden abgefahren, der Feierabend ist zumindest realistisch zum Greifen nah und auf dem Tisch dieses heiße, dampfende Pizzabrötchen. Super. 

Und dann endlich war der Moment gekommen. Das Pizzabrötchen war so weit abgekühlt, dass die Gefahr einer Verbrennung dritten Grades zumindest minimiert ist. Ich beiße in das Brötchen und schmecke Senf. Ich mag Senf nicht. 

Verdammt, das ist ein PIZZAbrötchen! PIZZA! Ich weiß, man kann Pizza mit allen möglichen und unmöglichen Dingen belegen, aber niemals ist da Senf dabei! Es gibt einfach Dinge, die man auf einem Pizzabrötchen einfach nicht erwartet. Senf, zum Beispiel. Bäh.

Der Hipster-King

So, ich habe jetzt eine Entscheidung getroffen! Ich werde Hipster! Aber nicht irgendein Hipster. Nein, ich werde DER Hipster. Der Hipster-König!

Wie will ich das anstellen? Ungefähr so:

– Jeden Morgen 3 Stunden früher aufstehen um den “gerade irgendwie aufgewacht” Look zu erreichen.
– eine Hornbrille für wenigstens 200,-€ kaufen (stellt Apple die eigentlich auch her?), für den intelligenten Blick
– Stammgast in der Boutique eines (achtung, wichtig) gerade irgendwie entdeckten, noch völlig unbekannten, aber angesagten (na, Widerspruch gefunden?) Jungdesigners ausm Prenzelberg
– Wohnung mieten (lassen, von meinen Eltern, denn ich bin ja Student) in der Simon-Dach-Straße, mindestens aber Revalerstraße um immer in der unmittelbaren Nähe des Geschehens zu sein. Aber es muss Altbau sein! Wegen der Streetcred
– Mütze auf, egal bei welchem Wetter und fette Kopfhörer drüber. Die Mütze ist dabei über die Ohren zu stülpen und dann erst die Kopfhörer drüber. Die Kopfhörer erfüllen keinerlei Funktion. Sie müssen nur da sein.
– Fachwissen über die Berliner Partykultur angooglen! Umso kleiner und unbekannter der Club, desto besser! (Großraumdiskos sind für Bauern!) Touristen und Zugezogene machen die Partykultur kaputt! Wer länger als 3 Wochen in Berlin wohnt, ist übrigens vollwertiger Berliner und quasi hier geboren
– riesige Musiksammlung anschaffen! Wer auf andere Hipster trifft, muss auf Verlangen Wissen und Musik über jede noch so unbekannte (aber total unterschätzte, großartige, in der Szene angesagte) Band vorweisen können
– Appleprodukte anschaffen! Am besten alle! Mindestens aber iPod, iPhone, iPad und Macbook Air. Apple genießt in der Hipsterszene großes Ansehen, denn Apple ist nicht Mainstream! Mainstream ist für Bauern
– Niemals (nie, unter keinen Umständen, never, nieeeee) Kaffee mit weniger als 5 Präpositionen trinken. Unter anderem müssen vorkommen (in variabler Reihenfolge, Starbucks ist da ja nicht so): Latte, Soja, Mocca, Orange, Pure
– Partyleben ist wichtig. Aber es darf nichts kosten! Eine gute Party ist es nur wenn der Hipster auf der Gästeliste steht UND den Dj kennt. Getrunken wird auf Partys nur in äußersten Notfällen, denn Getränke kosten. Hipster haben kein Geld, Geld ist Mainstream, Mainstream ist für Bauern. Getrunken wird IMMER vorher. Grundsätzlich geht der Hipster niemals vor 2 Uhr morgens auf eine Party

Zufällige Tramperbekanntschaften, die 769. – Hiro aus Japan.

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Auf dem Rastplatz in Michendorf aufgegabelt, wollte er nach Berlin rein. Er dachte Hellersdorf wäre Westberlin und dass Berlin an der polnischen Grenze enden würde. Ja gut, ich musste etwas lachen und er wirkte etwas enttäuscht, dass Berlin dann doch kleiner war, als er annahm. Nichts desto trotz findet er die Stadt toll. “Irgendwie so schön alt”.

Hiro, der junge Student der Chemie, stammt aus einer “kleinen” Stadt an der Grenze zu Sibirien, mit “nur” 2 Millionen Einwohnern. Ja, für japanische Verhältnisse ist das anscheinend klein. Dass Berlin nur 4 Millionen Einwohner hat und trotzdem die größte Stadt des Landes ist, fand er merkwürdig, doch dann sah er die Siegessäule, Brandenburger Tor, Reichstag, Fernsehturm und die vielen Tram-Linien (die haben es ihm irgendwie angetan) und schon war er abgelenkt.

Hiro hat sich während des Studiums einfach mal 2 Jahre frei genommen und trampt jetzt um die Welt. Immer Richtung Osten. Von Japan nach Kanada und dann auf einem Frachtschiff nach England. Von dort aus nach Paris, zu nem Kumpel, und dann jetzt nach Berlin, zu einem anderen Kumpel. Sein nächstes grobes Ziel ist der Iran. Dort will er unbedingt mal hin, sagt er. Und von dort aus dann immer weiter Richtung Osten.

Ich habe ihn bei seinem Kumpel abgesetzt, da er eh auf meinem Weg wohnt.

Ich wünsche ihm noch viel Spaß in Berlin und auf seiner weiteren Reise. Vielleicht nehme ich sein Angebot auch eines Tages mal an und besuche ihn in seiner Heimat. Japan ist sowieso eines meiner Ziele.

#japanbaby #hirorocktberlin #tramper