Es gibt kein ruhiges Hinterland! 

Ich wurde vor kurzem gefragt, ob ich für den heutigen Tag eine kleine Rede schreiben könnte. Anlass ist der jährliche Aufmarsch der Neo-Nazis in Nauen um zu trauerfeiern. Thema der Rede sollte sein: Nauen zwischen SVV und Schneiders Verhaftung. Ich selbst kann leider nicht vor Ort sein, daher könnt Ihr sie hier in voller Länge lesen, wenn Ihr wollt. Gekürzt wird sie heute Abend aber auch zu hören sein. Am Ort des Anschlags, der Turnhalle. Zudem findet Ihr in diesem Post auch noch eine grafische Darstellung, die noch einmal alle Ereignisse als Zeitlinie darstellt. Inhaltlich sollte alles korrekt sein, wer dennoch einen Fehler findet, darf mich gern darauf aufmerksam machen. 
Titel: Es gibt kein ruhiges Hinterland! 
Hier an diesem Ort, eskalierte am 25. August 2015 die Gewalt, die wir, als Einwohner dieser Stadt, nicht in dieser Form erwartet hätten. Die Turnhalle des OsZ Havelland brannte völlig nieder. Verantwortlich dafür war ein Netzwerk von Neo-Nazis aus Nauen und Umland. Maik Schneider, zu dem Zeitpunkt noch NPD Politiker im Kreistag Havelland  und der Stadtverordnetenversammlung in Nauen*, sowie fest eingebundenes Gründungsmitglied der freien Kräfte Neuruppin/Osthavelland, plante mit seinen Kameraden Wochen vorher bereits diesen Anschlag. Er kündigte in seinem Bekanntenkreis an “Das Ding wird brennen”! Dass er selbst dafür verantwortlich sein würde, wusste zu diesem Zeitpunkt, bis auf seine strammdeutsche Gefolgschaft, niemand. Doch das war nur der Höhepunkt. Das Netzwerk agierte bereits lange vorher und es ist weitaus größer und verzweigter, als durch die Medien bekannt. 
Erstmals offen agierte das Netzwerk um Schneider am 15. Februar 2015 bei einer Stadtverordnetenversammlung, bei der es um den Verkauf des Geländes, der heutigen Asylunterkunft, im Waldemardamm, ging. Schneider, damals noch nicht wieder in der Stadtverordnetenversammlung vertreten (er rückte später nach, weil Erik Brüning sich aus der Politik zurückzog), führte damals einen Mob an und ließ durch seine offen faschistischen Parolen die Stimmung aufheizen, die am Ende zum Abbruch der Stadtverordnetenversammlung führte. Die Polizei räumte sowohl den Innenbereich, in den bei weitem nicht alle Interessierten Platz fanden, als auch den Aussenbereich, den Schneider beherrschte. Drinnen, wie auch draußen, befanden sich strategisch gut verteilt ein “Who-Is-Who” der rechtsextremen Szene, die bereitwillig Schneiders Parolen folgten und die Meute animierte. Die Sitzung wurde dann unter Ausschluß der Öffentlichkeit fortgesetzt. An diesem Abend zeigte die Szene das erste Mal offen, was sie unter Diskussion und Demokratie versteht. Wer nicht ihrer Meinung war, wurde sofort niedergebrüllt. Ich sah dort viele verschüchterte und verängstigte Menschen, die, obwohl sie offen waren, sich nicht mehr offen positionieren wollten, aus Angst vor Drohungen und Gewalt. 
Zwischen März und Juli stand uns dann ein regelrechter Demo-Marathon bevor, der mit insgesamt 7 Demonstrationen der Rechten für unsere kleine Stadt wirklich viel war. Auch wenn die Beteiligung an den Demos von mal zu mal mehr schwand, immerhin begannen sie mit 200 Leuten, war es für uns jedes Mal wieder nervig und zeitraubend den Gegenprotest zu organisieren, zumal wir oftmals nur Stunden vorher Wind davon bekamen. Dennoch funktionierte es und wir konnten stabil immer um die hundert Menschen mobilisieren. Danke dafür. Bei den Rechten sah das etwas anders aus. Fingen sie noch mit rund 200 Menschen an, kamen von mal zu mal weniger Menschen, so dass der Gegenprotest ab der dritten Demonstration auf Augenhöhe war und die sich bei ihrer letzten Demo nicht mal mehr an uns vorbei trauten. Sie verkürzten ihre Routen und blieben lieber unter sich. 
Zur selben Zeit, also März bis Juni hatte das Parteibüro der Partei die LINKE sehr unter den Angriffen zu leiden. Insgesamt 9 Angriffe in 3 Monaten fanden statt, von denen sich mindestens 2 auf Schneiders Netzwerk zurückführen lassen. Mal wurden die Scheiben des Büros mit 29 Hammerschlägen eingedeckt, mal wurden Bruteier gegen das Büro geworfen, so dass die Fensterbank und der Boden mit toten Küken belegt war, mal wurden Farbbeutel gegen das Gebäude geworfen, von denen sich die Überreste noch immer an der Hauswand befinden, mal wurde auch einfach die Tür verklebt. Aber nicht nur das Büro der LINKEn hatte zu leiden, wenn auch am meisten, nein, auch das Büro der SPD wurde Ziel der Anschläge. Diese traf es zwar “nur” einmal, aber dafür mit sprichwörtlich voller Wucht. Dort wurden in der Nacht zum 17. Juni 2015 die Scheiben mit Steinen eingeworfen. Doch damit sind wir noch nicht am Ende angelangt. 
Im April 2015 wurde der Bus des Jugendvereins Mikado e.V., der sich seit vielen Jahren in der Stadt um Kinder und Jugendliche kümmert für eine der Demos als Lautsprecherwagen benutzt. In der Nacht darauf wurden dem Bus alle Reifen durchstochen. Es wurde ebenso eine Botschaft hinterlassen, die uns damals schon erahnen ließ, was uns im August dann Realität wurde. Auf dem Zettel, der hinter die Windschutzscheibe geklemmt wurde, stand: “Liebe Asylantenfreunde, Tröglitz ist auch hier. Bis bald!” Obwohl die Kriminalpolizei und der ihr angeschlossene Staatsschutz hin und her ermittelten, konnte kein Täter dingfest gemacht werden. Nachdem wir das ganze öffentlich gemacht hatten, erhielten wir viel Zuspruch und Spenden um dem Bus neue Schuhe verpassen zu können. Da die Ferien aber kurz bevor standen und Mikado traditionell ein Ferienprogramm veranstaltet, waren all die Spenden nutzlos, da der Bus noch weitere Wochen durch die Polizei für Untersuchungen gesperrt war. Dem Verein fehlte ein Bus im alle Kinder transportieren zu können. Schneider bekam davon Wind, welch ein Zufall, und stand noch am selben Tag süffisant und gönnerhaft grinsend vor der Tür des Vereins um ein Angebot zu unterbreiten. Ich war ebenfalls vor Ort, weil ich mit dem Verein, in dessen Vorstand ich zu diesem Zeitpunkt saß, zu beratschlagen, was wir nun tun könnten. Schneider bot seinen Bus an. Einen Bus, der zu diesem Zeitpunkt keinen TÜV mehr besaß und den er für alle NPD und freie Kräfte Demos nutzte. Wir lehnten sehr deutlich ab. Der einzige Grund, warum wir überhaupt mit ihm redeten, war, weil wir sehen wollten, ob er eventuell etwas damit zu tun haben könnte. Leider lässt sich seine Beteiligung bis heute nicht beweisen. Der Bus des Vereins wurde übrigens noch einmal angegriffen. Im März 2016. Nur 4 Wochen zuvor versuchte man das Auto von 2 Lokalpolitikern der Partei die LINKE abzufackeln. Das misslang allerdings zum Glück kläglich. 
Warum die Parteien und der Verein Ziel der Angriffe waren lässt sich ganz einfach sagen: Sie waren und sind Teil des Protests gegen die Nazis um Schneider. Sie alle zeigten Gesicht und Flagge und das versuchte man durch Gewalt und Einschüchterungen zu unterbinden. Das misslang zum Glück allerdings. Gleichzeitig versuchte man mit Schmierereien und Plakataktionen die Bürger aufzustacheln. So wurden im ganzen Stadtgebiet und vor allem vor Schulen Graffitis gesprüht. Mal mit Hakenkreuz und SS, mal mit dem Slogan “Heimatliebe ist kein Verbrechen”. Da jedes Mal dieselbe Farbe benutzt wurde, lässt sich zumindest vermuten, dass es sich um dieselben Täter handelt. Schneider selbst kann man einige Stickeraktionen nachweisen. Ich habe ihn selbst dabei beobachtet und verfolgt, um die Sticker wieder zu entfernen. 
Gleichzeitig versuchte man über dubiose Bürgerinitiativen sich selbst aus dem Fokus zu nehmen und dort nur im Hintergrund zu fungieren. Das war aber auch nicht von Erfolg gekrönt, da es zu offensichtlich war. So wurden zum Beispiel Flyer benutzt, die 1 zu 1 von anderen offen rechtsextremen Gruppierungen kopiert wurden, oder es wurden sehr fadenscheinige “Argumente” geliefert, die Geflüchteten würden nur neidisch werden, wegen der gegenüberliegenden Kleingartenanlage, etc. Nach nur einer Demonstration, die ebenfalls wieder mit Schneiders Hilfe (als Kontaktperson der Polizei) und Schneiders Bus als Lautsprecherwagen stattfand. 
Als das Auto eines in Nauen lebenden Polen am 17.Mai 2015 brannte, nachdem aus Schneiders Kreisen verbreitet wurde, dass der Mann Kinder belästigt hätte, wofür es nie einen Beleg gab, wurde uns klar, welche Macht diese Art von Lügen hatte. Zu dem Zeitpunkt wussten wir nicht, dass Schneider und Dennis W. (einer der anderen beiden Hauptangeklagten) selbst für den Brand verantwortlich waren. Wir verfolgten den Tag über die Diskussionen und Mordaufrufe waren keine Ausnahme, sondern die Regel. Es war erschreckend, wie schnell sich die Leute aufhetzen lassen und das ohne überhaupt zu wissen, ob derjenige überhaupt etwas getan hatte. Generell war der Ton seit Anfang 2015 ein deutlich anderer geworden. Geflüchtete, die noch gar nicht in Nauen waren, hatten dort schon Mercedesse geschenkt bekommen, die Läden geplündert, die Menschen auf der Straße beraubt, vergewaltigt und gemordet. Auch, wenn es totaler Unsinn war, fanden sich doch immer ein paar Leute, die das für bare Münze nahmen und sich so weiter radikalisierten. 
Nur 2 Wochen später, am 1. Juni, wurde dann das Dach des Nauener Lidl durch einen zur Bombe modifizierten Böller in die Luft gejagt. Auch wenn zumindest nach kurzer Zeit noch kein direkter Zusammenhang hergestellt werden konnte, stellte sich bald heraus, dass auch dafür Dennis W. verantwortlich war. Der letzte Hauptangeklagte ging in der Nacht des 31. Juli 2015, seinen Angaben nach stockbesoffen, zur Baustelle des Wohnheims und fackelte dort ein Dixie-Klo ab. Wahrscheinlich, weil zu diesem Zeitpunkt noch nichts weiter dort stand. Heute wissen wir, dass zu diesem Zeitpunkt bereits der Plan stand, die Turnhalle des OsZ abzufackeln. Schneider und Konsorten kauften bereits Wochen vor dem Anschlag Ölfass, Holz und Reifen, sowie eine Gasflasche ein, die dort zum Einsatz kommen sollten. Die Ausrede die Schneider vor Gericht einbrachte, er wollte nur die Halle etwas einrußen, war im Hinblick auf die verwendeten Materialien demnach sinnlos. Die Halle sollte unbewohnbar sein. Das war der Plan. Nicht mehr, nicht weniger. 
Doch kommen wir langsam zum Schluss. Den Abschluss machten Handzettel, auf denen auf der Vorderseite ein Pamphlet abgedruckt war, welches unverblümt Ausländer beschimpfte und auf der Rückseite detaillierte Angaben zum Bau von Bomben und anderen Sprengkörpern gab. Diese wurden in der Nacht zum 20. Februar 2016 in ganz Nauen verteilt in die Briefkästen gepackt. Es war wirklich erschreckend, wie weit Menschen gehen und andere für sich gehen lassen würden, nur um das eigene Ziel durchzudrücken. Das schlimmste aber war zu sehen, wie bereitwillig die Menschen aber zu folgen bereit waren und sind. 
*Schneider wurde während seiner Gerichtsverhandlung aus der NPD geworfen. Nicht wegen seiner Taten, sondern weil er seit März 2016 keine Beiträge mehr gezahlt hatte.

Bildquelle Beitragsbild (Schneider in rot): Presseservice Rathenow https://www.flickr.com/photos/presseservice_rathenow/sets/72157653625228346/

Bildquellen Zeitstrahl: habsch selbst g’macht