Einzigartig 

Gestern flatterte mir folgender Text mehrfach durch die Timeline: 

“Kinder mit Behinderungen sind nicht komisch oder seltsam. 😱

Sie wollen, was jeder will !!! 😞

Einfach akzeptiert werden !!! 😍

Darf ich was fragen ??? 😋

Ist jemand bereit, dies zu kopieren ???”
Ich habe lange überlegt, ob ich etwas dazu sage. Ob ich überhaupt etwas dazu sagen darf. Ich habe mich dafür entschieden, weil es mich am Rande eben auch betrifft. 
Ich glaube, solange man Menschen mit Behinderung, ob nun körperlich oder geistig, als etwas anderes erkennt, selbst wenn man sie akzeptiert, wird man sie nicht vollständig einbeziehen. Sie sind eben anders. Aber ist das so in Ordnung? Jeder Mensch ist auf seine Art einzigartig und wird auch einzigartig denken und handeln. Ich möchte nicht als Mensch mit Behinderung akzeptiert werden. Ich möchte als Mensch gesehen werden, ohne vorheriges Adjektiv. Nur als Mensch. 

Ich kann mir nicht anmaßen für Behinderte zu sprechen, vor allem, da ich nur am Rand betroffen bin. Was ich sage gilt nur für mich und kann für andere wieder ganz anders sein. Ich weiß nicht wie es ist, sein gesamtes Leben in einem Rollstuhl zu verbringen, oder nichts sehen, hören und/oder sagen zu können. Ich weiß nicht wie es ist, sein Leben lang auf Hilfe von Fremden angewiesen zu sein. Ich weiß nur wie es ist, in meiner Haut zu stecken, meine Welt zu erleben. Ich habe aber in meinen mittlerweile 35 Lebensjahren mit vielen Menschen gesprochen und vieles gelernt. 

Rollstuhlfahrer finden es nicht besonders cool, wenn man sie einfach ungefragt schiebt, ihr würdet es auch nicht toll finden, wenn man euch einfach auf den Arm nimmt und euch jeder Kontrolle entzieht. Blinde finden es auch nicht cool, wenn man sie unterhakt und mitnimmt, sie haben in ihrem Leben gelernt auf bestimmte Dinge früh zu reagieren und wenn ihr ihnen diese Möglichkeit nehmt, entzieht ihr ihnen auch dort wieder die Kontrolle. Viele geistig Behinderte haben einen festen Tagesablauf um ihr selbstständiges Leben zu meistern und Spontanität gehört selten dazu. Wenn ihr jemanden also etwas Gutes tun wollt, kann es also sein, dass ihr damit genau das Gegenteil bewirkt. Wie gesagt, das gilt nicht für alle aber für die, die ich kennengelernt habe sehr wohl. 

Das Leben mit Behinderung bedeutet vor allem eines. Lernen. Lernen, bestimmte Dinge zu bewältigen und zu meistern, lernen, sich zu orientieren und zu organisieren, lernen, dass es Dinge gibt, die man auf die herkömmliche Art nicht schafft, auf unkonventionelle Weise aber schon. Nur weil man nicht gehen, rennen oder springen kann, heißt das nicht, dass man nicht auch skaten, oder Basketball spielen kann. Nur weil man nicht hört, heißt es nicht, dass man nicht Musiker sein kann. Nur weil man blind ist, heißt das nicht, dass man keine Kunst erschaffen kann. Nur weil man stumm ist, heißt das nicht, dass man sich nicht mitteilen kann. Es geht immer, nur eben anders als die “Normalen” es tun. 

Hört bitte auf Behinderte als etwas anderes oder gar besonders zu sehen oder zu definieren. Sie sind es nicht. Unter ihnen gibt es genauso dumme Idioten, wie in jeder anderen Statistik auch. Wenn sie bei irgendwas Hilfe brauchen, werden sie es sagen. Aber schließt sie nicht aus, nur weil sie anders sind. Es wird immer wieder über Inklusion gesprochen und alleine weil man noch darüber spricht, ist man noch sehr weit davon entfernt. Würde man Menschen nicht nach körperlichen oder geistigen Defiziten abkanzeln, würde man keine extra Schulklassen brauchen, die Kinder ausschließt. Und wer Kinder ausschließt hat eines nicht verstanden: Kinder sind die Zukunft. Es sind nicht die sportlichen Kinder, die klugen Kinder, die dummen Kinder, die wasweissich Kinder. Es sind die Kinder. Ohne vorheriges Adjektiv. Gebt ihnen ihr selbstbestimmtes Leben, so wie sie es sich vorstellen und hört auf aufgrund ihrer Behinderung über sie zu urteilen. Wozu haben wir ein Solidarsystem, wenn es systematisch Menschen ausschließt? Wusstet ihr, dass nach geltendem Recht Menschen, die einen gewissen Grad an Unterstützung benötigen, das Recht auf selbstbestimmtes Leben aberkannt werden kann und sie gezwungen werden können in Heime zu gehen, anstatt in ihren eigenen 4 Wänden zu leben? Alles nur, weil es ein paar wenige Euro billiger wäre. Wollen wir in einem solchen System leben? 

Warum rede ich davon, dass ich am Rande betroffen wäre? 


Ich bin Asperger-Autist. 

Wer sich damit nicht auskennt, wird das auch nicht erkennen. Wer aber Erfahrungen mit Asperger hat, wird die Merkmale erkennen. 

Wie wirkt sich das bei mir aus? 

Vieles von dem, was jetzt kommt, wird euch normal vorkommen, vieles auch vertraut, aber die Summe machts. 

-Um etwas gesagtes oder geschriebenes verstehen zu können, muss ich es mir vorstellen. Kann ich es mir nicht vorstellen, ergibt es für mich keinen Sinn. Zahlen zum Beispiel sind für mich der Horror. Ich kann mir dazu kein Bild machen. 

-In meinem Kopf laufen immer verschiedene Filme parallel. Ich habe durchgehend Gedanken, die alle möglichen Punkte betreffen. Vergangenheit, Gegenwart und mögliche zukünftige Dinge sind in meinen Gedanken direkt nebeneinander. Ich versuche das gern anhand von 5 nebeneinander aufgestellten Bildschirmen darzustellen, auf denen jeweils etwas anderes zu sehen ist. Mir wurde oft gesagt, ich würde zu sehr um die Ecke denken. Das kommt genau daher. 

-Ich kann mich sprachlich schlecht ausdrücken, um es verständlich zu machen, muss ich es aufschreiben. Dann klappt es meistens ganz gut. Genau so ist es mit dem Gedächtnis. Will ich mir etwas merken, muss ich es aufschreiben. Ich werde es danach immer noch vergessen, aber dann kann ich mir wenigstens das dazu Geschriebene ansehen. 

-Wenn ich mir etwas wirklich einrede, wird es für mich zur Wahrheit. Als Kind war ich ewig davon überzeugt, dass man irgendwann den Dienstag und den Freitag getauscht hätte. 

-In meiner Wohnung ist es immer dunkel. Wenn ich unterwegs bin, liebe ich die Sonne. Ich liebe es mir von den Sonnenstrahlen die Nase kitzeln zu lassen, mich im Frühling ins frisch gemähte Gras zu werfen und im Sommer am Strand herumzuexistieren. Aber zuhause brauche ich Dunkelheit und Ruhe. Ich kann sonst nicht abschalten. Das Licht stört mich zuhause und ich kann es nicht einmal erklären. 

-Ich suche in jeder Form ein Muster. Habe ich es, zeichne ich es in Gedanken nach. Wenn ich unterwegs bin und zum Beispiel die Begrenzungspfosten sehe, und die mal nicht genau gegenüber liegen, kann mich das gedanklich über Stunden aus der Bahn werfen. Wenn ich zu Fuß unterwegs bin und sich das Muster im Pflaster, zum Beispiel durch Reparaturen, nur an einer Stelle ändert, kann mich das so verwirren, dass ich dort stehen bleibe und versuche zu verstehen, warum das so ist. (Ist mir in Berlin mal passiert. Ich stand dort 2 Stunden.)

-Ich brauche Harmonie. Wenn sich Streß anbahnt muss ich weg. Ich habe Angst die Kontrolle zu verlieren. Als Kind war ich extrem aggressiv und habe in Tobsuchtsanfällen rot gesehen. Seitdem versuche ich jeden Streit zu meiden. Ich habe gelernt friedlich zu sein. Deswegen war ich 2 Jahre lang in psychiatrischer Behandlung. Damals ging man davon aus, ich wäre Choleriker. Heute wissen wir es besser. Ich musste lernen mich zu beherrschen und die Kontrolle zu behalten. Seitdem geht es ganz gut. Mein damaliger Therapeut, Herr Hecht (in Spandau), hat da wirklich wunder bewirkt. 

-Ich kann keine großen Menschenmengen ertragen. Die aufgezwungene Nähe ist mir mehr als unbehaglich und vor allem spielt dort die Angst vor Kontrollverlust wieder eine große Rolle. Deswegen wird man mich nicht, oder zumindest nur äußerst selten auf Konzerten, Festivals oder generell Festen sehen. Ich muss für mich die Kontrolle über die Situation behalten und das klappt in großen Menschenmengen nicht. 

-Ich kann keine Stimmen filtern. Wenn ich in einer Runde sitze und mich mit jemandem unterhalte und daneben unterhält sich noch jemand, kann ich das Gespräch nicht herausfiltern. Ich höre also gleichwertig alle Gespräche. Oft passiert es mir, dass ich dadurch unbewusst meine Stimme hebe und lauter spreche. Auch, wenn das gar nicht nötig wäre. 

-Ich kann mir keine Namen oder Geburtstage merken. Wenn ich wirklich regelmäßig mit jemandem zu tun habe, dann kann ich mir auch den Namen merken, aber Geburtstage? Keine Chance. Das ist bei mir so schlimm, dass ich seit Jahren die Geburtstage meiner Eltern und meines Bruders vergesse. Es gibt tatsächlich nur einen Geburtstag, den ich nicht vergessen kann und das ärgert mich seit 8 Jahren. Gruß an meine Ex. 

-Mich beruhigen die merkwürdigsten Dinge. Windräder zum Beispiel. Es kommt ab und zu vor, dass man mich unter einem dieser Dinger trifft. Entweder sitze ich dann dort und gucke einfach nur oder ich schlafe. Das gleichmäßige “woosh” der Rotoren beruhigt ungemein. Oder das gleichmäßige Blinken der Leuchten oben drauf. Oder einfach nur der Gedanke, dass es keine Todeszone gibt, wenn eines der Räder mal auseinander bricht. 

-Ich schlafe gern in der Wanne. Bei mir gibt es kein “Kurz mal in die Wanne”. Wenn ich einmal drin bin, bleibe ich dort auch für die nächsten 3-4 Stunden. Allerdings werde ich immer sofort müde und schlafe meist nach sehr kurzer Zeit dort ein. Auch wenn sich die Haut danach erst wieder da hin ziehen muss, wo sie hingehört und das Wasser unglaublich kalt ist, liebe ich das aufwachen danach. 

-Ich bin lieber für mich allein. Auch wenn ich gern Freunde um mich habe und körperliche Nähe sehr genieße, kann ich das nur für gewisse Zeit. Danach brauche ich meine Ruhe. 

-Ich habe regelmäßig starke Stimmungstiefs. Meist sonntags. Wenn die ganze Last der Woche vom mir abgefallen ist, liege ich da und versuche mich so wenig wie möglich zu bewegen. 

-Ich nehme viele Dinge peripher wahr. Beim Autofahren achte ich natürlich hauptsächlich auf den Verkehr, aber ich schnappe eben noch sehr viel mehr auf. Viele meiner Geschichten hier sind wegen einer Autofahrt entstanden. Und meist sind sie auch ganz genau so geschehen. 

Und noch so viel mehr… 

Bitte versteht das nicht als jammern. Seht es als Versuch zu erklären, warum ich bin, wie ich bin. Abschließend bleibt nur zu sagen: Hört auf die Menschen einteilen zu wollen. Seht sie als Menschen ohne Adjektive. Als Menschen. Jeder einzelne ist für sich einzigartig und hat eine Geschichte, der es zu lauschen gilt. Sie sind nicht immer spannend oder gar aufregend, aber sie sind immer eines: Einzigartig.