Nie gestellte Fragen 

Heute vor genau einem Jahr schrieb ich den hier verlinkten Beitrag. Heute vor genau einem Jahr starb mein Opa. 

Diesen Text las ich auf seiner Beerdigung vor und es war für mich der schwerste Moment in meinem Leben. Doch auch danach beschäftigte er mich. Es ist erschreckend und traurig zugleich, wie wenig ich über diesen großen Mann weiß. Ich habe in den darauf folgenden Wochen sehr viel gelesen, gelernt und recherchiert und dennoch kratze ich nur an der Oberfläche dessen, was es noch zu entdecken gibt, im Leben meines Opas. 

Vieles wurde mir auch durch seine Freunde und langjährigen Begleiter erzählt, viele Anekdoten, die ihnen in Erinnerung geblieben sind. Die Bewunderung für seinen Mut und die Furchtlosigkeit, die er an den Tag legte, wenn es ihm wichtig war oder ihm etwas falsch erschien. Die Kollegialität, die viele an ihm schätzten aber auch seine diplomatische Schonungslosigkeit. Sie sagten mir, er konnte einem sehr ehrlich die Meinung geigen, dass es weh tat, aber auch immer so, dass man ihm dafür danken musste, weil er recht hatte. 

Meine Familie überließ mir viele Dokumente, mit denen ich die Familiengeschichte auf etwa 300 Jahre namentlich zurückverfolgen kann. Ich weiß wo und wie sie lebten, ich kenne ihre Namen und doch, ich werde nie wissen wer sie waren. Wie sie waren. 

Ein Kapitel im Leben meines Opas hat mich aber sehr beschäftigt. Die Flucht aus Groß Cammin, dem heutigen Kamień Wielki, das nordöstlich von Küstrin liegt. Vor ein paar Jahren haben meine Mutter und meine Großtante Christa, die leider auch schon von uns ging, niedergeschrieben, wie es damals war. Damals, an Weihnachten 1944, als sie alle zelte abbrechen und ihren Hof zurücklassen mussten um in Sicherheit zu sein. Damals, als sie mit ansehen mussten, wie Menschen in das Eis der Oder brachen und erkranken, oder dass sich Menschen erhängten, weil sie Angst hatten, oder als ihnen wieder und wieder klar gemacht wurde, dass sie als Flüchtlinge unerwünscht waren. 

Und dennoch fanden sie in Tietzow ihre neue Heimat und wurden Stützen der Gesellschaft. Mein Opa war viele Jahre Mitglied der Deutschen Bauernpartei, die nach der Wende mit der CDU fusionierte. Er engagierte sich sehr im Bereich Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Energie und brachte vieles auf den Weg. 

Das sind so die großen Dinge, von denen ich weiß. Es gibt noch so unglaublich viel mehr, von dem ich aber einfach zu wenig weiß. Doch fragen kann ich ihn nicht mehr. So viele Fragen sind offen. Fragen, an die ich nie gedacht habe. Fragen, die ich nie gewagt habe zu stellen. Fragen, die ich einfach vergessen habe. Einfach nie gestellte Fragen. Das bereue ich sehr. 

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